Zwei Jahre nach dem großen Bienensterben in Süddeutschland, bei dem etwa 20000 Bienenvölker durch das Insektizid Clothianidin getötet oder schwer geschädigt wurden, werden in der Landwirtschaft beim Raps-, Mais-, Gemüse- und Getreideanbau weiter bienengefährdende Pestizide eingesetzt. Nach Auffassung des Deutschen Berufs- und Erwerbsimkerbundes (DBIB) und des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) brachten die 2008 verordneten Maßnahmen zur Begrenzung der Gefährlichkeit von Schädlingsbekämpfungsmitteln für Bienen nicht das gewünschte Ergebnis. Die Verbände haben weiterhin vor allem das von der Firma Bayer CropScience hergestellte Clothianidin im Visier, das zur Gruppe der sogenannten Neonicotinoide gehört.
Die Umweltschutzorganisation GLOBAL 2000 warnt, dass die in Österreich ergriffenen Schutzmaßnahmen gegen das Bienensterben wirkungslos bleiben könnten. Denn eine aktuelle niederländische Studie zeigt auf, dass auch eine verbesserte Ausbringungsmethode der Pestizide Clothianidin und Imidacloprid - wie sie in Österreich nun
praktiziert wird - die Gefahr von massiven Bienenverlusten nicht bannen kann. "Die Strategie könnte sich als grundsätzlich falsch und fatal für viele Bienen und ImkerInnen herausstellen. Da Imidacloprid und Clothianidin nur sehr langsam abgebaut werden, mindert eine etwas geringere Umweltkontamination die Gefahr von massiven
Bienenverlusten nicht. Der schädigende Effekt der nikotinartigen Wirkstoffe auf die Nervenreizleitung von Bienen ist gänzlich irreversibel.
Der niederländische Toxikologe Dr. Henk Tennekes weist in einer aktuellen Untersuchung nach, dass die Langzeitrisiken der Insektizide Imidacloprid und Thiacloprid weitaus größer sind, als bislang angenommen. Dies könne eine der Ursachen für die Bienenvolksterben in aller Welt sein. Die Studie The toxicity of neonicotinoid insecticides to arthropods is reinforced by exposure time erschien am 23. Juli in dem Fachmagazin Toxicology (Beilage). Dr. Henk Tennekes zu seinen Ergebnissen: "Das Risiko von Pestiziden wie Imidacloprid und Thiacloprid wird wahrscheinlich enorm unterschätzt, besonders für Wasserlebewesen und Bodenorganismen. Die bislang gültigen Grenzwerte wurden weitgehend aus Kurzzeit-Tests abgeleitet. Würde man Langzeit-Versuche durchführen, könnten schon bei wesentlich geringeren Konzentrationen verheerende Schäden auftreten. Damit kann erklärt werden, wieso schon geringe Mengen Imidacloprid längerfristig Bienensterben verursachen können“. Tennekes zeigt sich besorgt über die hohe Belastung von Oberflächengewässern mit schwer abbaubaren Agrochemikalien. So wiesen Messungen der niederländischen Umweltbehörde bis zu 320 Mikrogramm Imidacloprid pro Liter (µg/l) nach (siehe Beilage). Der EU-Grenzwert für Trinkwasser hingegen liegt bei 0,1 µg/l.
Zusammen mit dem mathematisch versierten Elektro- und Nachrichtentechniker Karl Küpfmüller entwickelte der Pharmakologe und Krebsforscher Hermann Druckrey die theoretischen Grundlagen für die Dosis-Wirkungs-Beziehung in der Pharmakologie und Toxikologie, die in zwei Aufsätzen 1948 und 1949 veröffentlicht wurden. Ein Auszug aus dem Buch Dosis und Wirkung – Beiträge zur theoretischen Pharmakologie (1949): " Bei diesen Überlegungen ist die vereinfachende Annahme gemacht worden, dass zwischen der Wirkung und der relativen Rezeptoren-Besetzung stets eine einfache Proportionalität besteht und die Besetzung der Rezeptoren bereits die Wirkung angibt. Das braucht nun nicht der Fall zu sein. Vor allem ist,…, die Beziehung zwischen Giftkonzentration und der Wirkung keine unmittelbare; vielmehr liegen wenigstens zwei Stufen vor. Die erste ist die durch das Gift herbeigeführte Rezeptoren-Besetzung, die zweite die dieser folgende Wirkung. Daher kann die Reversibilität der Wirkung dieselbe Bedeutung für den Wirkungscharakter des Giftes haben wie die Reversibilität der Rezeptoren-Besetzung. ….Ein „Konzentrationsgift“ liegt nur dann vor, …wenn sowohl die Rezeptoren-Besetzung als auch die Wirkung schnell reversibel sind. Wenn sowohl die Rezeptoren-Besetzung als auch die durch sie ausgelöste Wirkung irreversibel und irreparabel sind, so kommt es mit der Zeit zu einer enormen Wirkungsverstärkung. Die Wirkung entspricht dem doppelten Integral aus der Giftkonzentration über die Zeit. Bei derartigen Giften kann also unter Umständen während der Zeit ihrer Einwirkung überhaupt kein sichtbarer Effekt auftreten, während später, wenn das wirksame Agens vielleicht schon längst ausgeschaltet ist, immer zunehmende und schliesslich katastrophale Wirkungen an der Zelle bzw. am Organismus auftreten."
Neonicotinoide (darunter auch das Clothianidin) sind in verschiedenen Pflanzenschutzmitteln enthalten. Es sind sehr starke Nervengifte. Sie werden weltweit insbesondere von den Imkern heftig kritisiert. Neonicotinoide sind für Bienen giftig und gelten als eine der möglichen Ursachen für das nicht erklärbare Bienensterben. Frau Bundespräsidentin Leuthard hat im Ständerat am 11. März 2010 bei der Debatte zu meiner Motion 09.3318, "Schutz der Bienen. Verbot des Nervengiftes Clothianidin als Pflanzenschutzmittel", erwähnt, dass in der Schweiz beim Zuckerrübenanbau 95 Prozent des Saatguts und beim Raps 70 Prozent des Saatguts mit neonicotinoidhaltigem Insektizid behandelt sind. Beim Mais waren es letztes Jahr 4 Prozent der Fläche. Im Unterschied zum Mais ist das Saatgut für Zuckerrüben und Raps pilliert. Das heisst, der Abrieb ist dort, dies laut der Bayer-Firmeninfo, viel geringer. Das BLW stützt sich daher in seiner Argumentation zum Bienensterben nur auf den Mais, weil dort das Problem mit dem Abriebstaub vorhanden ist. Das zweite grosse Problem ist aber das Guttationswasser. Scheinbar gibt es aber Guttationswasser auch bei Raps und Zuckerrüben.
Hersteller und Vertreiber von Pflanzenschutzmitteln sind gemäss Paragraph 19 des Pflanzenschutzgesetzes verpflichtet dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) jährlich die Mengen der Pflanzenschutzmittel und darin enthaltenen Wirkstoffe zu melden, die im Inland abgegeben oder ausgeführt wurden. Nachfolgend eine Übersicht (einiger Insektizide) für das Jahr 2005. Imidacloprid gehört zu den meist verwendeten Insektizide in Deutschland. Die Substanz ist sehr giftig für Bienen, wird nur langsam im Boden abgebaut und kann relativ leicht durchsickern ins Grundwasser. Auch die für Bienen sehr giftige neonicotinoide Insektizide Clothianidin und Thiamethoxam haben ein ähnliches sehr ungünstiges Umweltprofil.
Mitte der sechziger Jahre erschien in Deutschland das Buch "Der stumme Frühling" der amerikanischen Biologin Rachel Carson. Darin entwickelt die Autorin die Vision vogelfreier und deshalb stummer Landschaften. Zumindest für die Felder und Wiesen Mitteleuropas dürfte dieses Szenario in nicht allzu ferner Zukunft Realität werden; denn seit dreißig Jahren verschwinden die Feldvögel kontinuierlich aus unseren Kulturlandschaften.
Blüten besuchende Insekten wie Honig- und Wildbienen, Hummeln, Wespen, Käfer, Schmetterlinge und Schwebfliegen etc. haben eine entscheidende Funktion im Ökosystem. Sie sichern und steigern nicht nur die Erträge von Kulturpflanzen (z.B. Obst, Raps, Sonnenblumen), sondern erhalten auch die Wildflora. Auf ihrer Nahrungssuche bestäuben sie die besuchten Pflanzen und sorgen für Samen und Früchte. Die meisten einheimischen Blütenpflanzen (ca. 80%) sind auf diese Fremdbestäubung durch Insekten angewiesen. Die Insekten selbst dienen wiederum Insektenfressern (z.B. Vögeln) als Nahrung. Der Rückgang vieler Vogelarten kann mit der Dezimierung der Insekten in Zusammenhang gebracht werden.
Am 18. September 2003 präsentierte das vom Französischen Landwirtschaftsministerium einberufenen Comité Scientifique et Technique, nach einer 18 monatige Tätigkeit, die Ergebnisse ihrer Arbeit : den entgültigen Bericht über die Wirkung von Imidacloprid (Gaucho) als Beizmittel auf die Bienen. Über 300 Studien und litterarische Dokumente wurden herangezogen und bewertet. Es galt zu ermitteln in welchem Maße die Bienen Imidacloprid ausgesetzt sind und welche Menge Imidacloprid der Biene ein Schädigung zufügt.
Nun ist es wohl amtlich. Das im vergangenen Jahr mit der Prüfung der Wirkung des Pestizids Gaucho betraute Comité Scientifique et Technique (CST) des französischen Landwirtschaftsministerium kommt in seinem jetzt vorgelegten Untersuchungsbericht zu dem Schluss, dass das Gift für den Tod hunderttausender Bienenvölker in Frankreich mitverantwortlich ist. Umwelt- und Imkerverbände fordern deshalb ein Verbot des Agrogifts.